Entstehungsgeschichte der Hadithwissenschaften – Von der frühen Überlieferung bis heute
Wer heute einen Hadith liest, findet oft gleich darunter eine Quellenangabe und ein Urteil wie sahih, hasan oder daʿif. Wie kamen die Gelehrten zu solchen Urteilen? Und wann wurde aus der Weitergabe einzelner Berichte eine eigene Wissenschaft mit Fachbegriffen, Lehrwerken und Spezialgebieten?
Die Entstehungsgeschichte der Hadithwissenschaften lässt sich in mehrere Entwicklungen gliedern. Die Gefährten überlieferten und schrieben Berichte auf. Spätere Generationen sammelten sie systematischer und verglichen ihre Überlieferungswege. Die großen Kritiker bauten diese Arbeit aus. Erst danach entstanden die bekannten Bücher, die ihre Regeln und Begriffe als eigenständigen Lehrstoff ordneten. Diese Entwicklungen überschneiden sich. Die Datierungen unten bezeichnen Zeiträume oder die Todesjahre der Autoren, soweit kein Entstehungsjahr genannt wird.
1. Die Gefährtenzeit – Weitergabe und frühe Aufzeichnungen
Die Gefährten hörten Aussagen des Propheten ﷺ, beobachteten seine Handlungen und berichteten auch von Dingen, die er billigte. Sie gaben ihr Wissen in Gesprächen, beim Unterrichten und in schriftlichen Aufzeichnungen weiter. Abu Huraira berichtet beispielsweise, dass ʿAbd Allah ibn ʿAmr Berichte niederschrieb, während er selbst dies nicht tat. Das zeigt, dass schriftliche und mündliche Weitergabe schon früh nebeneinanderstanden. [1]
Zur Niederschrift gibt es unterschiedlich lautende Überlieferungen. Muslim überliefert einen Bericht, der davor warnt, neben dem Quran Aussagen aufzuschreiben. Abu Dawud überliefert dagegen, dass der Prophet ﷺ ʿAbd Allah ibn ʿAmr das Schreiben erlaubte. Gelehrte haben diese Berichte unter anderem durch unterschiedliche Situationen oder den Schutz vor einer Vermischung mit dem Quran erklärt. Für die Geschichte lässt sich aus den überlieferten Aufzeichnungen jedenfalls erkennen, dass das Schreiben nicht erst mit den großen Sammlungen begann. [2] [3]
Was wurde damals aufgeschrieben?
Ein zweites Beispiel neben den Aufzeichnungen ʿAbd Allah ibn ʿAmrs führt nach Mekka. Nach einer Predigt bei der Eroberung Mekkas im Jahr 8 n. H. (630) bat Abu Schah, ein Mann aus dem Jemen, darum, das Gehörte schriftlich zu erhalten. Der Prophet ﷺ ordnete an, es für ihn aufzuschreiben. Der Bericht zeigt einen konkreten Anlass für eine Niederschrift. Bei solchen Beispielen muss man zwischen dem damals aufgeschriebenen Text und der später erhaltenen Überlieferung über diesen Vorgang unterscheiden. Der Bericht bei al-Buchari bezeugt die Anordnung, liefert uns aber kein erhaltenes Originalblatt aus jenem Jahr.[4]
2. Von der Frage nach dem Überlieferer zur Prüfung des Isnad
Ein Hadith besteht in der überlieferten Form aus dem Isnad, der Kette der Überlieferer, und dem Matn, dem eigentlichen Bericht. Die Kette macht nachvollziehbar, wer den Bericht von wem weitergegeben hat. In der Einleitung seines Sahih überliefert Muslim von dem Tabiʿi Muhammad ibn Sirin, dass man nach dem Auftreten der Fitna ausdrücklich verlangte, die Überlieferer zu nennen. Die Aussage beschreibt, wie wichtig die Herkunft eines Berichts unter den Bedingungen innerer Konflikte wurde. Aus ihr lässt sich kein genaues Gründungsjahr der Kettenprüfung ablesen. [5]
Mit der Ausbreitung der Lehrkreise über verschiedene Städte wurde der Vergleich wichtiger. Gelehrte fragten, ob zwei Überlieferer Zeitgenossen waren, ob ein Schüler den Bericht tatsächlich von dem genannten Lehrer gehört haben konnte und ob andere Schüler dieselbe Fassung kannten. Angaben zu Reisen, Wohnorten und Lehrern halfen ihnen, diese Fragen zu prüfen. Eine Überliefererkette wurde dadurch selbst zum Gegenstand der Untersuchung.
Warum die Lehrorte für die Prüfung wichtig wurden
Mit der Ausbreitung der frühen muslimischen Gemeinschaft entstanden Lehrkreise mit unterschiedlichen Überlieferungswegen. In Medina prägten unter anderem Saʿid ibn al-Musaiyab (gest. 94 n. H.) und später Malik ibn Anas die Weitergabe. Für Mekka ist ʿAtaʾ ibn Abi Rabah (gest. um 114 n. H.) ein wichtiger Name, für Kufa Ibrahim an-Nachaʿi (gest. 96 n. H.) und für Basra Muhammad ibn Sirin (gest. 110 n. H.). Die Ortsangabe ist für die Quellenprüfung relevant. Wenn ein Überlieferer seinen Lehrer in einer anderen Stadt gehört haben soll, helfen Lebensdaten und bekannte Reisen bei der Frage, ob und wann sich die beiden getroffen haben konnten. Selbst wenn sich zwei Personen treffen konnten, bleibt bei einer konkreten Überlieferung zu prüfen, in welcher Form die Weitergabe belegt ist.[5][6]
3. Um 100 n. H. und im 2. Jahrhundert – Sammlung und Anordnung
Ein wichtiger Schritt war die Initiative des Kalifen ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAziz um die Wende zum 2. Jahrhundert nach der Hidschra. Al-Buchari führt im Buch des Wissens sein Schreiben an Abu Bakr ibn Hazm an. Der Kalif bat ihn, die Überlieferungen aufzuschreiben, weil er den Verlust des Wissens durch das Sterben der Gelehrten befürchtete. Ibn Schihab az-Zuhri ist mit dieser frühen systematischen Sammlung eng verbunden. Der Auftrag steht für eine gezielte Sammlung im größeren Rahmen. Private Notizen und bereits überlieferte Bestände gingen ihm voraus. [7] [8]
Im Lauf des 2. Jahrhunderts wurden Berichte zunehmend für den Unterricht nach Themen zusammengestellt. In Malik ibn Anas’ al-Muwattaʾ stehen prophetische Hadithe neben Aussagen von Gefährten, Berichten der Tabiʿun und juristischen Stellungnahmen. Größere Musannaf-Sammlungen wie diejenige von ʿAbd ar-Razzaq as-Sanʿani führen diese thematische Arbeitsweise in breitem Umfang vor. Wer dort etwa das Kapitel über die Gebetswaschung liest, findet Material aus verschiedenen Generationen und muss jeweils darauf achten, wem eine Aussage zugeschrieben wird. [9]
Vom regionalen Sammeln zu großen, geordneten Werken
Im 2. Jahrhundert n. H. lässt sich die Arbeit an mehreren Orten verfolgen. In Mekka sammelte Ibn Dschuraidsch (gest. 150/767), in Kufa Sufyan ath-Thauri (gest. 161/778), in Medina Malik ibn Anas (gest. 179/795) und in Jemen Maʿmar ibn Raschid (gest. 153/770). Die Werke dieser Generation sind unterschiedlich vollständig erhalten. Deshalb ist es historisch sinnvoller, von regionalen Anfängen zu sprechen, als für alle Städte denselben ersten Sammler anzusetzen.[10]
Maʿmars Material wurde unter anderem durch seinen Schüler ʿAbd ar-Razzaq as-Sanʿani (gest. 211/827) weitergegeben. Dessen Musannaf aus der jemenitischen Überlieferung und der Musannaf Ibn Abi Schaibas (gest. 235/849) aus dem irakischen Umfeld bieten einen Einblick in frühe Rechtsdiskussionen. Unter einer Sachüberschrift können prophetische Hadithe, Aussagen von Gefährten und Auffassungen ihrer Schüler beieinanderstehen. Das macht die Bücher für die Geschichte des Fiqh wertvoll. Wer sie als Hadithquelle benutzt, muss jeweils zuerst feststellen, auf wen der einzelne Bericht zurückgeführt wird.[10][9]
4. Das 3. Jahrhundert – unterschiedliche Sammlungen und die Arbeit der Kritiker
Die großen Sammlungen dieses Jahrhunderts und der folgenden Zeit verfolgten verschiedene Ziele. Ein Musnad wie derjenige von Ahmad ibn Hanbal ordnet einen großen Teil seines Materials nach den überliefernden Gefährten. Ein Sunan-Werk ordnet Berichte häufig nach Fiqh-Kapiteln. Al-Buchari und Muslim stellten ihre Sahih-Sammlungen nach eigenen Auswahlkriterien zusammen. Später wurden ihre Werke zusammen mit den Sammlungen von Abu Dawud, at-Tirmidhi, an-Nasaʾi und Ibn Madscha weithin als die sechs Bücher bezeichnet. Diese spätere Zusammenstellung bedeutet keine einheitliche Einstufung jedes einzelnen Berichts in allen sechs Werken.
Ein Beispiel aus dem Unterricht zum Isnad lässt sich direkt nachlesen. Beim Hadith über die Absichten nennt al-Buchari zunächst seinen Lehrer al-Humaidi. Die Kette führt über Sufyan ibn ʿUyaina, Yahya ibn Saʿid, Muhammad ibn Ibrahim und ʿAlqama ibn Waqqas zu ʿUmar ibn al-Chattab. Dann folgt der Wortlaut. Wer nach der Echtheit einer Fassung fragt, untersucht also mehr als den Inhalt eines einzelnen Satzes. [11]
Gelehrte wie Yahya ibn Maʿin, ʿAli ibn al-Madini, Ahmad ibn Hanbal und später Abu Hatim ar-Razi prägten die Prüfung von Überlieferern und Überlieferungswegen. Die Überliefererkritik, al-Dscharh wa-t-Taʿdil, fragt unter anderem nach persönlicher Verlässlichkeit und Genauigkeit. Die Untersuchung verborgener Mängel, ʿIlal al-Hadith, fragt etwa, ob ein Überlieferer einen Bericht irrtümlich mit einer durchgehenden Kette wiedergab, während die besser belegten Fassungen an einer früheren Stelle enden. Solche Abweichungen können erst sichtbar werden, wenn man mehrere Fassungen nebeneinanderlegt. Neben Sammlungen entstanden deshalb eigene Werke zur Kritik, zu Überliefererbiografien und zur Erklärung ungewöhnlicher Wörter. [6]
Basra, Bagdad und Nischapur als Zentren der Prüfung
In Basra standen Jahya ibn Saʿid al-Qattan und ʿAbd ar-Rahman ibn Mahdi (beide gest. 198/813–814) für eine Generation von Kritikern, deren Einschätzungen in den späteren Werken weitergegeben wurden. In der nächsten Generation sammelten Jahya ibn Maʿin (gest. 233/848) und Ahmad ibn Hanbal (gest. 241/855) im irakischen Gelehrtenmilieu Urteile über Überlieferer. ʿAli ibn al-Madini (gest. 234/849), ein Lehrer al-Bucharis, war besonders für das Zusammenführen und Vergleichen von Überlieferungswegen bekannt. Aus Nischapur stammt Muslim ibn al-Haddschadsch (gest. 261/875). Neben seinem Sahih ist für die Methode sein at-Tamyiz wichtig. Dort lassen sich an einzelnen Fällen Überlieferungsfehler und die Gründe für ihre Feststellung studieren.[6][12]
Bei dieser Arbeit reichte es nicht, die Namen in einer Kette einzeln nachzuschlagen. Wenn mehrere zuverlässige Schüler einen Bericht von ihrem gemeinsamen Lehrer als Aussage eines Gefährten überlieferten und ein einzelner Schüler ihn dem Propheten ﷺ zuschrieb, musste der Kritiker beide Fassungen untersuchen. Dabei zählten unter anderem die Vertrautheit der Schüler mit dem Lehrer, ihre Genauigkeit und weitere Überlieferungswege. Die höhere Zuschreibung konnte sich als Fehler erweisen, obwohl der betreffende Schüler grundsätzlich zuverlässig war. Auf diese Art von Fall zielt die Disziplin der ʿIlal, der Untersuchung verborgener Mängel.[12]
Warum die Sammlungen verschiedene Fragen beantworten
Ahmads Musnad erleichtert es, Berichte über denselben Gefährten zu finden. Abu Dawuds Sunan (gest. 275/889) erleichtern die Suche nach Überlieferungen zu einem Rechtskapitel. At-Tirmidhi (gest. 279/892) verbindet in seinem Dschamiʿ die Überlieferung häufig mit einer Einstufung und mit Hinweisen darauf, wie Gelehrte die Frage behandelt haben. Sein Gebrauch von hasan hatte großen Einfluss auf die spätere Lehrsprache. Wie er die Ausdrücke im Einzelnen gebraucht, erschließt sich aus seinen Erklärungen und den jeweiligen Beispielen. Ibn Radschab (gest. 795/1393) untersuchte diese Praxis Jahrhunderte später in seinem Scharh ʿIlal at-Tirmidhi.[9][12]
Wo die Fachsprache vor den Lehrbüchern zu finden ist
Al-Dschuhani verfolgt die Begriffe zunächst in Texten, die für einen anderen Zweck geschrieben wurden. In der Risala untersucht asch-Schafiʿi (gest. 204/820), unter welchen Voraussetzungen ein einzeln überlieferter Bericht als Rechtsbeleg dienen kann. Muslim erklärt in der Einleitung seines Sahih, von wem man Überlieferungen annehmen sollte, weshalb man nicht alles Gehörte weitererzählt und unter welchen Voraussetzungen eine Kette mit der Formulierung „von“ (ʿan) als verbunden gelten kann. Abu Dawud beantwortet in einem Brief an die Leute von Mekka Fragen zu seinen Sunan. Er spricht etwa darüber, warum er einen Hadith in mehreren Fassungen bringt und unter welchen Umständen er Berichte mit unterbrochener Kette aufnimmt. At-Tirmidhi erläutert am Ende seines Dschamiʿ in den ʿIlal as-Saghir unter anderem, was er mit hasan meint. Wer das 3. Jahrhundert verstehen will, findet seine Fachsprache in solchen Einleitungen und Briefen ebenso wie in den Urteilen zu einzelnen Hadithen.[13][5][14][12]
5. Wann wurde Mustalah al-Hadith ein eigenes Fach?
Die Arbeit der Kritiker ist älter als die zusammenhängenden Lehrbücher über ihre Methoden. In der Einleitung zu seinem Sahih legt Muslim bereits methodische Überlegungen dar. Auch andere frühe Gelehrte behandelten einzelne Fragen in Einleitungen oder Spezialwerken. Bei der Frage nach dem ersten eigenständigen Buch ist Ibn Hadschars Formulierung aufschlussreich. Er zählt ar-Ramahurmuzi (gest. 360 n. H.) mit al-Muhaddith al-Fasil baina r-Rawi wa-l-Waʿi zu den ersten Autoren auf diesem Gebiet und weist darauf hin, dass das Werk den Stoff noch nicht vollständig erfasst. Spätestens im 4. und 5. Jahrhundert n. H. wird die eigene Fachliteratur klar erkennbar. [15]
- Al-Hakim an-Naisaburi (gest. 405 n. H.) sammelte in Maʿrifat ʿUlum al-Hadith zahlreiche Teilgebiete. Abu Nuʿaim al-Isfahani arbeitete daran weiter.
- Al-Chatib al-Baghdadi (gest. 463 n. H.) behandelte in al-Kifaya die Regeln der Überlieferung. In al-Dschamiʿ li-Achlaq ar-Rawi wa-Adab as-Samiʿ widmete er sich dem Verhalten von Lehrenden und Hörenden. Damit werden die Prüfung der Berichte und die Bedingungen ihrer zuverlässigen Weitergabe aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt. [16]
- Al-Qadi ʿIyad (gest. 544 n. H.) führte die Beschäftigung mit den Wegen des Empfangens und Weitergebens von Hadithen in al-Ilmaʿ fort.
Vom allgemeinen Handbuch zum Buch über eine einzelne Methode
Schon vor Ibn as-Salah gab es neben den allgemeinen Werken Bücher für besondere Fragen der Überlieferung. Ibn Tahir al-Maqdisi (gest. 507/1113) behandelte in einer eigenen Schrift den ʿuluww und nuzul der Überlieferungskette, also unter anderem, warum Gelehrte Wege mit weniger Zwischengliedern suchten. Eine kürzere Kette bot weniger Stellen, an denen ein Fehler entstehen konnte. Sie konnte im Einzelfall trotzdem schwächer sein als ein längerer, gut belegter Weg. Der aus Ceuta stammende Qadi ʿIyad (gest. 544/1149) widmete sein al-Ilmaʿ den Formen, in denen man einen Hadith empfängt und weitergibt. Das Hören beim Lehrer, das Vorlesen vor ihm und eine Erlaubnis zur Weitergabe mussten im wissenschaftlichen Gebrauch auseinandergehalten werden. Abu Hafs al-Majanischi (gest. 580/1184–1185) legte mit Ma la yasaʿ al-muhadditha dschahluhu eine knappe Einführung in das vor, was ein Hadithgelehrter kennen sollte. Solche Werke zeigen, wie sich vor der großen Synthese bereits unterschiedliche Formen des Fachunterrichts ausgebildet hatten.[15][13]
6. Ibn as-Salah und die Standardisierung der Lehrsprache
Im 7. Jahrhundert n. H. ordnete Ibn as-Salah (gest. 643 n. H.) den Stoff für seinen Unterricht an der Aschrafiyya in Damaskus. Sein Buch Maʿrifat Anwaʿ ʿUlum al-Hadith, bekannt als Muqaddima Ibn as-Salah, wurde ein Bezugspunkt für spätere Lehrwerke. Zu seinen Themen gehört die Definition des sahih-Hadiths. In der geläufigen Zusammenfassung setzt sie eine durchgehende Kette, rechtschaffene und genaue Überlieferer sowie das Fehlen einer maßgeblichen Abweichung und eines verborgenen Mangels voraus. Ein zuverlässiger Überlieferer allein genügt daher nicht, um jede ihm zugeschriebene Fassung zu bestätigen. [17]
Die Wirkung des Buchs zeigt sich in den Texten, die darauf aufbauen. An-Nawawi kürzte den Stoff in at-Taqrib wa-t-Taisir, das as-Suyuti in Tadrib ar-Rawi kommentierte. Ibn Kathir schrieb eine eigene Kurzfassung. Al-ʿIraqi verarbeitete den Stoff in seiner Alfiyya, und as-Sachawi erläuterte diese in Fath al-Mughith. Ibn Hadschar ordnete die Begriffe in der Nuchbat al-Fikar auf eigene Weise und erklärte seine Gliederung in Nuzhat an-Nazar. So festigte sich eine gemeinsame Lehrsprache. Die Kommentare zeigen zugleich, dass Gelehrte einzelne Definitionen, Beispiele und Bewertungen weiter diskutierten.
Damaskus, 630 n. H. (1233) – ein Lehrbuch entsteht aus dem Unterricht
Ibn as-Salah übernahm 630 n. H. die Lehre an der Dar al-Hadith al-Aschrafiyya in Damaskus. Das Werk, das heute oft Muqaddimat Ibn as-Salah heißt, entstand aus seiner Lehrtätigkeit. Er griff unter anderem auf die Bücher al-Chatib al-Baghdadis zurück und führte deren Stoff mit anderem Material in einem Werk von 65 Fachgebieten zusammen. Darunter finden sich Kategorien der Annahme und Ablehnung, Arten von Lücken im Isnad sowie der Umgang mit ähnlich geschriebenen Namen. Dass ein Thema später als erwartet auftaucht, erklärt Ibn Hadschar mit der Entstehung durch abschnittsweises Diktat. Der Erfolg des Buches lässt sich daran ablesen, was andere daraus machten.[18][17][15]
- Für den Einstieg: An-Nawawi (gest. 676/1277) verdichtete den Stoff im at-Taqrib wa-t-Taisir. As-Sujuti (gest. 911/1505) nahm diese Kurzfassung als Grundtext für seinen ausführlichen Kommentar Tadrib ar-Rawi. Auch Ibn Kathir (gest. 774/1373) erstellte mit dem Ichtisar ʿUlum al-Hadith eine eigene Kurzfassung.
- Für die kritische Lektüre: Mughlatai (gest. 762/1361) schrieb Islah Kitab Ibn as-Salah. Az-Zarkaschi (gest. 794/1392) und später Ibn Hadschar (gest. 852/1449) verfassten jeweils Anmerkungen (Nukat) zum Werk. Sie zeigen, dass der Status als Standardwerk auch bedeutete, dass seine einzelnen Aussagen besonders gründlich geprüft wurden.
- Für das Auswendiglernen: Zain ad-Din al-ʿIraqi (gest. 806/1404) brachte den Stoff in seiner Alfiyya in Versform. In at-Taqyid wa-l-Idah setzte er sich zudem in Prosa mit Ibn as-Salah auseinander. As-Sachawi (gest. 902/1497) kommentierte später al-ʿIraqis Lehrgedicht in Fath al-Mughith.
Ibn Hadschars Nuchbat al-Fikar ordnet die Fachbegriffe auf engem Raum neu, ausgehend von der Zahl der Überlieferungswege. In seiner eigenen Erläuterung, Nuzhat an-Nazar, führt er aus, wie sich diese Einteilung zu anderen Fragen verhält. Damit bestanden im 9. Jahrhundert n. H. mehrere Wege durch denselben Stoff. Wer an-Nawawi mit as-Sujuti liest, folgt einer anderen Gliederung als jemand, der mit Ibn Hadschars Nuchba beginnt.[13][15]
7. Die Spezialgebiete bleiben eigenständig
Parallel zu den Lehrbüchern entstand eine umfangreiche Nachschlageliteratur. Al-Mizzis Tahdhib al-Kamal baut auf der Literatur über die Überlieferer der sechs Bücher auf und bietet etwa Angaben zu Lehrern, Schülern und Urteilen früherer Kritiker. Ibn Hadschars Tahdhib at-Tahdhib bearbeitet diesen Stoff weiter. Sein Taqrib at-Tahdhib verdichtet die Einträge für den schnellen Überblick. Wer eine schwierige Einstufung nachvollziehen will, muss oft zur ausführlicheren Biografie und zu den Aussagen der Kritiker zurückgehen. [19] [20]
Ähnlich ergänzen sich weitere Spezialgebiete. Takhridsch macht einen Bericht in seinen Quellen und Fassungen auffindbar. Die ʿIlal-Literatur untersucht Fehler, die der Vergleich aufdeckt. Muchtalif al-Hadith befasst sich mit Berichten, die einander auf den ersten Blick widersprechen. Wer sie zusammenliest, klärt zunächst, ob die Fassungen überhaupt belastbar sind und ob sie dieselbe Situation behandeln.
Wie Nachschlagewerke über Überlieferer aufeinander aufbauen
Die Werkfolge zur Überliefererbiographie lässt sich besonders gut an den sechs verbreiteten Hadithsammlungen verfolgen. ʿAbd al-Ghani al-Maqdisi (gest. 600/1203) legte in al-Kamal fi Asmaʾ ar-Ridschal eine Sammlung zu ihren Überlieferern an. Al-Mizzi (gest. 742/1341) erweiterte den Stoff in Damaskus im Tahdhib al-Kamal. Die Angaben zu Lehrern und Schülern machen sichtbar, wo sich ein Überlieferer in das Netz der Weitergabe einfügt. Ibn Hadschar straffte den Stoff im Tahdhib at-Tahdhib und fügte eigene Hinweise hinzu. Sein Taqrib at-Tahdhib komprimierte die Einträge nochmals für den schnellen Gebrauch. Wer nur wissen will, welcher von zwei ähnlich benannten Männern gemeint ist, findet dort einen Einstieg. Für die Begründung eines umstrittenen Urteils lohnt sich der Rückgriff auf die ausführlicheren Bücher und die darin zitierten frühen Kritiker.[19][20]
8. Unterricht und Forschung heute
Moderne Lehrbücher wie Mahmud at-Tahhans Taisir Mustalah al-Hadith erklären die Terminologie in kürzeren Einheiten. Ein heutiger Studienplan der Umm-al-Qura-Universität führt at-Tahhans Lehrbuch neben Ibn Hadschars Nuzhat an-Nazar auf. Die klassischen Werke bleiben damit Teil des Unterrichts und werden zusammen mit moderneren Darstellungen gelesen. Digitale Sammlungen können heute Fassungen aus mehreren Werken nebeneinander anzeigen. Für ein fachliches Urteil bleibt entscheidend, wer die Fassung überliefert hat, wie ihr Wortlaut lautet und wie die Kritiker die Abweichung erklären. [21] [22] [23]
Wenn du einen Hadith nachschlagen willst, beginne mit der Sammlung, dem genauen Wortlaut und der zugehörigen Kette. Vergleiche danach weitere Fassungen und prüfe, wer die genannte Einstufung vorgenommen hat. Damit gehst du denselben Fragen nach, aus denen sich diese Wissenschaft entwickelt hat.
Vom Lehrgedicht zur gedruckten Fachliteratur
Auch nach der Zeit der großen Kommentare entstanden Werke für unterschiedliche Leser. Die Baiquniyya brachte zentrale Begriffe in ein kurzes Lehrgedicht. Im Jemen erläuterte Muhammad ibn Ismaʿil as-Sanʿani (gest. 1182/1768) in Taudih al-Afkar das ältere Tanqih al-Anzar Ibn al-Wazirs (gest. 840/1436). Seine Erläuterung behandelt unter anderem, was es bedeutet, wenn ein zuverlässiger Überlieferer ein zusätzliches Detail berichtet. Das ist dieselbe praktische Schwierigkeit, die schon die frühen Kritiker beschäftigte, hier jedoch in der Form eines ausführlichen Kommentars. In Damaskus sammelte Dschamal ad-Din al-Qasimi (gest. 1332/1914) in Qawaʿid at-Tahdith Material aus älteren Werken und machte es thematisch zugänglich. Die gedruckten Ausgaben erleichterten es Lehrern und Schülern, an verschiedenen Orten mit derselben Ausgabe zu arbeiten.[13][24][25]
In der neueren Lehrliteratur bietet Mahmud at-Tahhans Taisir Mustalah al-Hadith eine Einführung mit Definitionen und Beispielen. Nur ad-Din ʿItrs Manhadsch an-Naqd fi ʿUlum al-Hadith erklärt die Disziplin stärker über die Prüfung von Überlieferern, Ketten und Texten. Zusammen mit älteren Werken lassen sich die Bücher in zwei Richtungen lesen: vom Begriff zum Fall und vom Fall zurück zur Begründung des Urteils. Digitale Sammlungen erleichtern heute das Auffinden von Parallelfassungen. Welche Unterschiede tatsächlich auf die Überlieferung zurückgehen und welche erst bei der Abschrift oder Edition entstanden, muss weiterhin am Material geprüft werden.[21][26][23]
Die wichtigsten Stationen im Überblick
- 1. Jahrhundert n. H. (7. Jahrhundert und frühes 8. Jahrhundert): Weitergabe im Unterricht, einzelne Aufzeichnungen und stärkere Aufmerksamkeit für die Herkunft eines Berichts.
- 2. Jahrhundert n. H. (überwiegend 8. Jahrhundert): Regionale Sammlung und Ordnung nach Sachgebieten, etwa in Medina, Mekka, Kufa und im Jemen.
- 3. Jahrhundert n. H. (überwiegend 9. Jahrhundert): Große Sammlungen, intensive Überliefererkritik und Erklärungen der Methode in Briefen, Einleitungen und Spezialwerken.
- 4.–6. Jahrhundert n. H. (überwiegend 10.–12. Jahrhundert): Eigenständige Handbücher und Monographien zu einzelnen Fragen. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts steht ar-Ramahurmuzi für die erste Generation erhaltener allgemeiner Fachbücher.
- Ab dem 7. Jahrhundert n. H. (13. Jahrhundert): Ibn as-Salahs Synthese in Damaskus wird zum Bezugspunkt. Kurzfassungen, Lehrgedichte und Kommentare prägen die weitere Ausbildung.
- Neuzeit und Gegenwart: Gedruckte Lehrbücher, kritische Editionen und digitale Vergleichsmöglichkeiten erweitern den Zugang zu den älteren Quellen.
Fußnoten und Quellen
- Al-Buchari, Sahih, Nr. 113, Abu Huraira über die Aufzeichnungen von ʿAbd Allah ibn ʿAmr ↩
- Muslim, Sahih, Nr. 3004, zur Niederschrift ↩
- Abu Dawud, Sunan, Nr. 3646, zur Erlaubnis für ʿAbd Allah ibn ʿAmr ↩
- Al-Buchari, Sahih, Nr. 112, Abu Schah und die schriftliche Aufzeichnung der Predigt ↩
- Muslim, Sahih, Einleitung, Kapitel zur Bedeutung des Isnad und zur Prüfung der Überlieferer ↩
- Khalid ad-Durais, al-Madchal ila ʿUlum al-Hadith, King Saud University, zur Entstehung der Fachliteratur ↩
- Al-Buchari, Sahih, Buch des Wissens, Kapitel über das Schwinden des Wissens, Schreiben ʿUmars an Ibn Hazm ↩
- Diyanet, Hadis, Abschnitt zur frühen Sammlung und zur Rolle az-Zuhris ↩
- Arabische Volltexte, darunter Maliks Muwattaʾ, der Musannaf ʿAbd ar-Razzaqs und der Musnad Ahmads ↩
- Umm-al-Qura-Universität, Einführung zur Niederschrift und zu den frühen Sammlungen ↩
- Al-Buchari, Sahih, Nr. 1, der Hadith über die Absichten mit Überlieferungskette ↩
- Ibn Radschab, Scharh ʿIlal at-Tirmidhi, mit Beispielen zur Überliefererkritik ↩
- Chalid ibn Mahmud al-Dschuhani, Naschʾat wa-Tatawwur ʿIlm Mustalah al-Hadith, S. 7–13, zur frühen Fachsprache und Werkgeschichte ↩
- Abu Dawud, Risala ila Ahl Makka, Brief über Auswahl und Methode seiner Sunan ↩
- Ibn Hadschar, Nuzhat an-Nazar, hrsg. von Nur ad-Din ʿItr, S. 38 und folgende, zur frühen Fachliteratur ↩
- Al-Chatib al-Baghdadi, al-Kifaya fi ʿIlm ar-Riwaya ↩
- Ibn as-Salah, Maʿrifat Anwaʿ ʿUlum al-Hadith, hrsg. von Nur ad-Din ʿItr ↩
- Zur Lehrtätigkeit Ibn as-Salahs an der Aschrafiyya in Damaskus ab 630 n. H. ↩
- Al-Mizzi, Tahdhib al-Kamal, Beispiel eines Überlieferereintrags ↩
- Ibn Hadschar, Tahdhib at-Tahdhib, Beispiel eines Überlieferereintrags ↩
- Mahmud at-Tahhan, Taisir Mustalah al-Hadith ↩
- Umm-al-Qura-Universität, Studienplan ʿUlum al-Hadith, Abschnitt zu den Lehrmitteln ↩
- Digitaler Vergleich von Hadithfassungen, Beispiel aus dem saudischen Hadith-Portal ↩
- Bibliotheca Alexandrina, as-Sanʿanis Kommentar zu Ibn al-Wazirs Tanqih al-Anzar ↩
- Dschamal ad-Din al-Qasimi, Qawaʿid at-Tahdith, digitalisierte arabische Ausgabe ↩
- Nur ad-Din ʿItr, Manhadsch an-Naqd fi ʿUlum al-Hadith ↩
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