Leben und Tod im Islam – Was bleibt, wenn wir zu Allah zurückkehren?
Es gibt Anrufe, nach denen der Tag anders weitergeht. Eben hast du noch überlegt, was du am Wochenende machst. Jetzt erfährst du, dass jemand gestorben ist, mit dem du erst vor ein paar Tagen gesprochen hast. Du erinnerst dich vielleicht an seinen letzten Satz. Damals klang er ganz gewöhnlich.
Für einen Moment werden Dinge unwichtig, die dich morgens noch völlig eingenommen haben. Und dann kommt der Alltag zurück. Die Nachrichten, die Termine, die Dinge, die du seit Wochen erledigen willst. Die islamische Erinnerung an den Tod stellt mitten in diesem Alltag eine Frage: Wofür willst du die Zeit einsetzen, die Allah dir heute gegeben hat?
Warum Allah Leben und Tod erschaffen hat
„Er ist es, der den Tod und das Leben erschaffen hat, um euch zu prüfen, wer von euch am besten handelt. Und Er ist der Allmächtige, der Allvergebende.“ [1]
Koran, al-Mulk 67:2 · Deutsche Wiedergabe
Ibn Kathir erklärt, dass Allah die Menschen erschaffen hat, um sie darin zu prüfen, wer am besten handelt. Dabei weist er auf die Wortwahl des Verses hin. Allah spricht von den besten Taten. Wer auf sein Leben schaut, kann sich also auch fragen, mit welcher Absicht er handelt und wie sorgfältig er mit den Menschen umgeht, die ihm anvertraut sind. Ein Versprechen einzuhalten, obwohl niemand dich daran erinnert, ist ein Teil dieser Prüfung. Ebenso die Entscheidung, ehrlich zu bleiben, wenn eine Lüge dir gerade nützen würde. [2]
Am Ende des Verses nennt Allah sich den Allmächtigen und den Allvergebenden. Beides gehört zu dieser Prüfung. Wir stehen für unsere Entscheidungen ein und dürfen nach einem Fehler zu Allah zurückkehren. Solange du lebst, kannst du etwas ändern, für das du dich gestern noch geschämt hast.
Was die Vergänglichkeit über unsere Prioritäten verrät
In der Sure al-Hadid beschreibt Allah das diesseitige Leben mit einem Bild aus der Natur. Nach dem Regen wachsen Pflanzen, die den Menschen gefallen. Später vergilben sie und zerfallen. Der Vers nennt auch das Prahlen und den Wettstreit darum, wer mehr besitzt. An diesem Bild lässt sich erkennen, wie schnell etwas seinen Glanz verlieren kann, das einmal unsere ganze Aufmerksamkeit hatte. [3]
Der Prophet ﷺ sagte zu ʿAbd Allah ibn ʿUmar, er solle in dieser Welt wie ein Fremder oder ein Reisender sein. Ibn ʿUmar selbst riet daraufhin, die Gesundheit zu nutzen, solange man sie hat, und das Leben vor dem Tod. Al-Buchari überliefert die Worte des Propheten ﷺ und den anschließenden Rat Ibn ʿUmars im selben Bericht. [4]
Auch ein Reisender braucht Proviant und kümmert sich um das, was unterwegs zu tun ist. Für uns gehört dazu, zu lernen, den Lebensunterhalt zu verdienen, Beziehungen zu pflegen und Verantwortung zu übernehmen. Die Frage ist, welchen Platz diese Dinge in unserem Leben bekommen. Wenn du an einer Ausbildung arbeitest, kannst du dir vornehmen, mit deinem Wissen später Menschen zu nützen. Wenn du Geld verdienst, kannst du ehrlich verdienen und von dem, was du hast, anderen etwas abgeben. So können gerade die alltäglichen Aufgaben Teil der Vorbereitung auf die Begegnung mit Allah werden.
Was nach dem Tod kommt
Allah sagt, dass jede Seele den Tod kosten wird und dass die Menschen ihren Lohn erst am Tag der Auferstehung vollständig erhalten. Den wirklichen Erfolg beschreibt derselbe Vers konkret: vor dem Feuer bewahrt und ins Paradies aufgenommen zu werden. [5]
Die Sure al-Muʾminun schildert einen Menschen, der beim Eintreten des Todes um Rückkehr bittet, um nachzuholen, was er versäumt hat. Dann nennt der Koran den Barzach, die Schranke bis zum Tag der Auferstehung. So unterscheidet der Koran zwischen dem Tod und der späteren Auferstehung. Die Sure az-Zalzala beschreibt, wie den Menschen an jenem Tag ihre Taten gezeigt werden. Selbst Gutes oder Schlechtes vom Gewicht eines winzigen Teilchens wird der Mensch sehen. [6] [7]
Ein Hadith bringt diese Lehre auf ein Bild, das man sich bei einer Beerdigung vorstellen kann. Der Prophet ﷺ sagte, dass einen Verstorbenen seine Angehörigen, sein Besitz und seine Taten begleiten. Die Angehörigen und der Besitz kehren zurück. Seine Taten bleiben bei ihm. Denk dabei auch an das Gute, das dir selbst klein vorkommt. Vielleicht hast du jemandem diskret geholfen, weil du wusstest, dass es ihm unangenehm wäre, vor anderen darum zu bitten. Allah weiß davon, auch wenn die Menschen es längst vergessen haben. [8]
Auch der Prophet ﷺ hat geweint
Als sein Sohn Ibrahim im Sterben lag, weinte der Prophet ﷺ. Er sagte, dass die Augen tränen und das Herz traurig ist, und dass wir nur sagen, was unserem Herrn wohlgefällt. Er sprach auch aus, wie sehr ihn der Abschied von Ibrahim betrübte. [9]
Wenn du jemanden verloren hast, kann dich ein vertrautes Geräusch oder eine Nachricht, die du ihm beinahe geschickt hättest, Monate später noch treffen. Der Hadith gibt Raum für diese Trauer. Geduld kann an einem solchen Tag heißen, die Trauer vor Allah auszusprechen, für den Verstorbenen zu beten und jemanden um Gesellschaft zu bitten. Vielleicht ist auch in deinem Umfeld jemand in Trauer. Ein Anruf einige Wochen nach der Beerdigung, wenn die meisten wieder zu ihren Terminen zurückgekehrt sind, kann dann viel bedeuten.
Was du noch in Ordnung bringen kannst
In der Sure az-Zumar spricht Allah Menschen an, die sich durch ihre Verfehlungen selbst geschadet haben. Er fordert sie auf, die Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit nicht aufzugeben. Der folgende Vers ruft sie zur Umkehr auf, bevor die Strafe eintritt. Wer bereut, kann sich also an Allah wenden und zugleich den nächsten Schritt tun, den seine Situation verlangt. [10]
Hast du jemandem Unrecht getan, dann nimm ernst, was du noch wiedergutmachen kannst. Vielleicht schuldest du jemandem Geld und wartest, bis er noch einmal danach fragt. Vielleicht hast du in einer Gruppe etwas über jemanden erzählt, das seinen Ruf beschädigt hat. Der Prophet ﷺ mahnte dazu, Unrecht gegenüber einem anderen Menschen zu Lebzeiten zu bereinigen, bevor am Tag der Abrechnung weder Geld noch Besitz dafür eingesetzt werden können. [11]
Manches Gute kann über das eigene Leben hinauswirken. Der Prophet ﷺ nannte eine fortdauernde Wohltätigkeit, Wissen, von dem Menschen profitieren, und ein rechtschaffenes Kind, das für den Verstorbenen betet. Das kann deinen Blick darauf lenken, was du mit deinem Wissen, deiner Zeit oder deinem Besitz anfangen möchtest. Wer einem anderen das Lesen beibringt, kann ihm etwas mitgeben, das dieser später selbst an jemanden weitergibt. [12]
Vielleicht weißt du beim Lesen schon, welche Sache du immer wieder auf morgen verschiebst. Nimm dir heute Zeit für das nächste Gebet. Gib zurück, was du jemandem schuldest. Ruf an, wenn du schon lange nach jemandem fragen wolltest. Wähle etwas, das du heute wirklich tun kannst, und bitte Allah, es von dir anzunehmen.
Fußnoten und Quellen
- Koran, al-Mulk 67:2 · Leben und Tod als Prüfung ↩
- Ibn Kathir, Tafsir zu al-Mulk 67:2 ↩
- Koran, al-Hadid 57:20 · Das Gleichnis vom Regen und den Pflanzen ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 6416 · Der Reisende und der Rat Ibn ʿUmars ↩
- Koran, Al ʿImran 3:185 · Tod und Auferstehung ↩
- Koran, al-Muʾminun 23:99–100 · Der Barzach bis zur Auferstehung ↩
- Koran, az-Zalzala 99:6–8 · Die Menschen sehen ihre Taten ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 6514 · Was einen Menschen bis zum Grab begleitet ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 1303 · Der Prophet ﷺ beim Tod seines Sohnes Ibrahim ↩
- Koran, az-Zumar 39:53–54 · Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit und Umkehr ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 2449 · Begangenes Unrecht zu Lebzeiten bereinigen ↩
- Sahih Muslim, Nr. 1631 · Fortdauernder Nutzen nach dem Tod ↩
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