Birr al-Walidayn – Was es im Islam heißt, gut zu seinen Eltern zu sein
Deine Mutter ruft dich aus der Küche. Du bist mitten in einem Spiel oder schreibst gerade mit jemandem. „Ja, gleich!“, rufst du zurück. Zehn Minuten später ruft sie noch einmal. Diesmal hört man an deiner Stimme, wie sehr es dich nervt.
Vielleicht hast du am selben Tag einem Freund geduldig zugehört, obwohl er dir zum dritten Mal dieselbe Geschichte erzählt hat. Wieso fällt dir diese Geduld ausgerechnet zu Hause manchmal so schwer?
Genau da beginnt Birr al-Walidayn (بِرُّ الْوَالِدَيْنِ). So nennt man im Islam die Güte gegenüber den Eltern. Sie zeigt sich darin, wie du mit ihnen redest, wie du ihnen im Alltag entgegenkommst und ob sie auf dich zählen können. Manchmal beginnt sie mit einer ganz kleinen Entscheidung, die außer dir und Allah niemand bemerkt.
Warum der Koran sogar ein „Uff“ erwähnt
In der Sure al-Israʾ nennt Allah die Güte zu den Eltern unmittelbar nach dem Gebot, Ihm allein zu dienen. Wenn einer der beiden oder beide bei dir alt werden, sollst du ihnen gegenüber nicht einmal „Uff“ sagen, sie nicht anfahren und mit ihnen in würdiger Weise sprechen. Im nächsten Vers lehrt Allah uns dieses Bittgebet. [1]
„Mein Herr, erbarme Dich ihrer beiden, so wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein war.“
Koran, al-Israʾ 17:24 · Deutsche Wiedergabe
Ibn Kathir erklärt das „Uff“ als eine der geringsten Formen verletzender Rede. Und wenn der Koran im nächsten Vers dazu auffordert, sich den Eltern aus Barmherzigkeit zuzuwenden, zeigt sich das laut Ibn Kathir auch im eigenen Verhalten. Du kannst also höfliche Wörter benutzen und mit deiner Stimme trotzdem sagen: Du gehst mir gerade auf die Nerven. Umgekehrt kann ein ruhiges „Gib mir bitte kurz Zeit, dann komme ich“ eine angespannte Situation verändern. Wenn du es sagst, komm anschließend auch wirklich. [2]
Warum spricht der Vers gerade vom Alter? Als du klein warst, mussten andere vieles für dich wiederholen. Vielleicht hast du dieselbe Frage fünfmal gestellt. Vielleicht konntest du allein weder essen noch dich anziehen. Wenn deine Eltern später für etwas länger brauchen oder dich zum dritten Mal nach derselben Einstellung am Handy fragen, erinnert dich das Bittgebet an diese Zeit.
„Deine Mutter.“ Und dann?
Ein Mann fragte den Propheten ﷺ, wer am meisten Anspruch darauf habe, dass er gut mit ihm umgeht. Der Prophet ﷺ nannte seine Mutter. Der Mann fragte weiter. Wieder nannte er seine Mutter, und auf die nächste Frage noch einmal. Erst dann nannte er seinen Vater. [3]
In der Sure Luqman erinnert Allah an die Mühen der Mutter, die ihr Kind unter zunehmender Anstrengung trägt, und an die Zeit bis zum Abstillen. Der Vers fordert zur Dankbarkeit gegenüber Allah und gegenüber beiden Eltern auf. Wie viel Fürsorge du damals gebraucht hast, weißt du heute vielleicht nur aus Erzählungen. Die Anstrengung war trotzdem da, auch in den Nächten, an die du dich selbst gar nicht erinnern kannst. [4]
Für deinen Vater kann Güte im Alltag anders aussehen. Vielleicht erzählt er dir selten, dass ihn etwas beschäftigt. Vielleicht freut er sich, wenn du dich zu ihm setzt und einfach fragst, wie sein Tag war. Oder wenn du ihn von dir aus anrufst und das Gespräch nicht gleich beendest, sobald die Frage geklärt ist, wegen der du angerufen hast. Beide Eltern können sich über Aufmerksamkeit freuen, auch wenn sie das unterschiedlich zeigen.
Wie wertvoll ist das, was du zu Hause tust?
ʿAbd Allah ibn Masʿud fragte den Propheten ﷺ, welche Tat Allah am liebsten sei. Er nannte das Gebet zu seiner Zeit. Auf die Frage, was danach komme, nannte er die Güte gegenüber den Eltern. [5]
Denk daran, wenn du nach einem langen Schultag eigentlich direkt in dein Zimmer willst und merkst, dass zu Hause jemand deine Hilfe gebrauchen könnte. Ein Einkauf, den du übernimmst, oder ein Gespräch, für das du dein Handy weglegst, kann für den anderen genau das sein, was ihm an diesem Tag gefehlt hat. Und du kannst dir bewusst vornehmen, es für Allah zu tun.
Ein anderer Mann wollte am Dschihad teilnehmen. Der Prophet ﷺ fragte ihn, ob seine Eltern noch lebten. Als der Mann bejahte, wies er ihn an, seine Anstrengung für die beiden einzusetzen. In dieser konkreten Situation lenkte der Prophet ﷺ den Blick des Mannes auf eine Aufgabe, die schon vor ihm lag. Auch du kannst dich fragen: Wer braucht gerade etwas von mir, obwohl ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin? [6]
Darf ich meinen Eltern widersprechen?
Du willst eine Ausbildung machen, dein Vater wünscht sich ein Studium für dich. Deine Mutter macht sich Sorgen wegen deiner Freunde, und du hast das Gefühl, dass sie sie gar nicht kennt. Solche Gespräche brauchen manchmal mehrere Anläufe. Du kannst sagen: „Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst. Ich würde dir gern erklären, warum mir das wichtig ist.“ Vielleicht ist der beste Zeitpunkt dafür morgen nach dem Essen, wenn ihr beide wieder zuhören könnt.
Der Koran zeigt an einem viel schwereren Beispiel, wie eine klare Grenze und ein guter Umgang zusammengehen. Wenn Eltern ihr Kind dazu drängen, Allah etwas beizugesellen, darf es ihnen darin nicht folgen. Derselbe Vers fordert dazu auf, ihnen im diesseitigen Leben weiterhin auf gute Weise zu begegnen. [7]
Asmaʾ bint Abi Bakr erlebte eine andere Situation. Ihre Mutter, die damals keine Muslimin war, kam zu ihr. Asmaʾ fragte den Propheten ﷺ, ob sie die Beziehung zu ihr pflegen solle. Er bejahte es. Auch wenn Eltern und Kinder im Glauben unterschiedliche Wege gehen, können ein Besuch, ein Anruf oder praktische Hilfe viel bedeuten. [8]
Wenn dich jemand zu Hause bedroht oder dir wehtut, darfst du dir Schutz und Hilfe holen. Sprich mit einer erwachsenen Person, der du vertraust. Du darfst ehrlich erzählen, was passiert, auch wenn es um deine eigenen Eltern geht.
Was, wenn ich schon laut geworden bin?
Vielleicht hast du im Streit etwas gesagt, das du am liebsten zurücknehmen würdest. Wenn du wieder ruhiger bist, geh hin und sag, wofür du dich entschuldigst. „Es tut mir leid, dass ich dich vorhin angefahren habe“ ist verständlicher als ein hastiges „Ja, sorry“. Lass den Satz erst einmal stehen. Über das, was dich selbst verletzt oder geärgert hat, könnt ihr danach sprechen.
Und falls du etwas versprochen hast, hol es nach. Manchmal ist die ehrlichste Fortsetzung einer Entschuldigung, dass dein Vater am nächsten Morgen sieht, dass du die Sache erledigt hast, über die ihr gestritten habt.
Wenn ein Elternteil schon verstorben ist
Vielleicht liest du das und denkst an jemanden, den du gern noch einmal anrufen würdest. Der Prophet ﷺ nannte das Bittgebet eines rechtschaffenen Kindes als eine der drei Möglichkeiten, durch die einem Menschen auch nach seinem Tod weiter Gutes zukommen kann. Wenn dir die Worte fehlen, kannst du mit dem Bittgebet aus der Sure al-Israʾ beginnen. [1] [9]
Womit fängst du heute an?
Denk an eine Kleinigkeit, die einem deiner Eltern heute guttun würde. Vielleicht hat deine Mutter dir schon zweimal erzählt, dass sie mit einer Sache am Handy nicht weiterkommt. Vielleicht hast du deinen Vater länger nicht gefragt, wie es ihm geht. Vielleicht gibt es auch etwas, wofür du schon lange Danke sagen wolltest.
Sag es konkret. „Danke, dass du mich morgens immer zur Bahn bringst“ kann mehr bedeuten als ein großes Lob, weil es zeigt, dass du etwas bemerkt hast, das längst selbstverständlich geworden war.
Fußnoten und Quellen
- Koran, al-Israʾ 17:23–24 · Güte gegenüber den Eltern und Bittgebet ↩
- Ibn Kathir, Tafsir zu al-Israʾ 17:23 und zu 17:24 ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 5971 · Wer am meisten Anspruch auf guten Umgang hat ↩
- Koran, Luqman 31:14 · Die Mühen der Mutter und die Dankbarkeit gegenüber den Eltern ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 527 · Welche Taten Allah am liebsten sind ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 5972 · Sich für die Eltern einsetzen ↩
- Koran, Luqman 31:15 · Grenzen des Gehorsams und guter Umgang ↩
- Sahih al-Buchari, Nr. 2620 · Asmaʾ und ihre Mutter ↩
- Sahih Muslim, Nr. 1631 · Das Bittgebet eines Kindes nach dem Tod eines Elternteils ↩
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